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Der Prototyp - Prolog |
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Saturday, 03 January 2009 |
Prolog
„Selma, schön dich nach so langer Zeit endlich mal wieder zu sehen“, sagte der junge Mann zu seiner Schwester, auf einem moosbewachsenen Baumstamm mitten in einem vertrauten Waldstück sitzend. Sie blickten auf eine von Wildgräsern überwucherte Lichtung in dem Wald, in welchem er sich in seiner Kindheit für Stunden verlieren konnte, fernab von anderen Menschen, obwohl die Siedlung, in welcher er aufgewachsen war, nur knapp einen Kilometer entfernt lag. Er wusste gar nicht mehr, wann er das letzte Mal mit seiner Schwester zusammen gesessen war, und sie beide einfach nur die Gegenwart des anderen geniessen durften. Eigentlich war das noch nie der Fall gewesen. „Selma, es kommt mir vor wie in einem Traum, dass wir beide einfach so zusammen sitzen, und dies an einem so idyllischen Plätzchen wie hier an meiner Lieblingslichtung.“ „Das kommt davon, weil du tatsächlich am träumen bist, Zwerg“, erwiderte Selma mit ihrem ihr eigenen Sarkasmus. „Ja, so muss es wohl sein“, murmelte er gedankenverloren vor sich hin, „anders kann ich mir dieses traute Beisammensein mit dir nicht erklären.“
Selma blickte traurig zu ihrem Bruder rüber, ihr mattschwarzes Haar fiel ihr teilweise über die Schultern, als sie sich zu ihm rüberlehnte und ihren Arm um ihn legte. „Nimm es nicht so hart, kleiner Bruder. Ich meine es nicht böse, wenn ich dich mit meinen Worten necke. Weisst du, auch wenn ich dir nie sagen konnte, dass ich dich liebe, so soll das nicht heissen, dass das nicht der Fall gewesen ist. Michael, ich möchte dass du weisst, dass ich dich immer bedingungslos geliebt habe, und dass sich das niemals ändern wird. Es mag sein, dass wir zwei auf verschiedenen Wegen zu wandeln scheinen, doch ich habe gelernt, deinen Weg zu akzeptieren und ihn dich gehen zu lassen, ohne dich zu verurteilen.“ Verdutzt schaute Michael zu Selma rüber, erblickte ihre haselnussbraunen Augen, welche von einer Weisheit, einer Liebe und einer Tiefgründigkeit efüllt waren, die er in ihnen bis jetzt noch nie wahrgenommen hatte. „Selma? Geht es dir auch wirklich gut? Wohl höre ich die Worte, die über deine Lippen kommen, doch fehlt mir der Glaube, dass sie wirklich die deinen sind. In all den Jahren hab ich noch nie etwas derartiges von dir gehört. Ah, ich vergass, ich bin ja am träumen..." Selma blickte ihrem Bruder tief in die Augen. „Ja, du bist wohl am träumen, aber wir zwei, wir sind real. In der wachen Welt mögen wir zwei uns nicht nahe erscheinen, doch glaube mir, dies ist nur eine Oberflächlichkeit und viel weniger real als das, was wir jetzt beide erleben. Du spürst es in der wachen Welt ja selber, dass diese Welt mehr wie ein Spiel ist, wie ein Spiegel der wahren Welt, welche allem Leben in einer unvorstellbaren Vielfältigkeit zu Grunde liegt. Erinnerst du dich nicht mehr? Du hast mir ja ständig davon erzählt. Nur weil ich dich von mir wies, weil ich nichts davon hören wollte, sollte das noch lange nicht bedeuten, dass mir deine Worte nicht geblieben sind. Ich wusste schon die ganze Zeit, dass du auf dem richtigen Weg warst und immer noch bist, nur schmerzten mich deine Umwege so sehr, dass ich dich zu meinem eigenen Schutz von mir weisen musste...“ Bei diesen Worten wurde Michael sehr schwer um sein Herz, und Tränen stiegen ihm in die Augen. „Sei nicht traurig,“ flüsterte ihm seine Schwester zu, „Unwissenheit war auch lange Zeit meine Begleiterin. Und ausserdem, woher solltest du denn auch wissen können, dass du mir weh tatest, denn ich liess dich ja nie wissen, warum ich mich von dir abwandt. Ach, mein lieber Michael, es gäbe noch so vieles, was ich dir gerne mitteilen würde, aber mir fehlt die Zeit, denn für jetzt heisst es für uns „à dieu“, ich muss nun gehen.“ „Was meinst du damit?“ fragte er Selma verdutzt. „Du wirst es bald erfahren,“ antwortete sie ihm mit einem liebevollen Lächeln, welches er an ihr noch nie bemerkt hatte. „Leb wohl, mein Bruderherz, und bleibe immer deinem Herzen treu, es wird dir deinen richtigen Weg weisen.“
Verwirrt und verschwitzt wachte Michael in seinem Bett auf. Das Telefon hatte ihn aus dem Schlaf gerissen und mit schlafverklebten Augen tastete er auf dem Nachtkästchen nach dem elektronisch klingelnden Kommunikationsungetüm, bis er endlich den Hörer fand und durch drücken der grünen Taste das nervenzerreissende Geräusch abstellen konnte. „Hallo, wer ist denn da?“ „Entschuldigen sie bitte die späte Störung, ist dort Michael Felrot am Apparat?“ Mit einem Gefühl der Beklemmung in der Magengegend erwiderte Michael, dass er persönlich am Telefon sei. „Hier ist Joachim Ackermann, Kantonspolizei St. Gallen. Ich muss ihnen leider mitteilen, dass ihre Schwester heute Nacht im Kantonsspital St. Gallen verstorben ist.“ |
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